Dies ist ein Archiv der ruprecht-Webseiten, wie sie bis zum 12.10.2013 bestanden. Die aktuelle Seite findet sich auf https://www.ruprecht.de

ruprecht-Logo Banner
ruprecht/Schlagloch-doppelkeks-Jubiläum
Am 13.10. feiern wir 25 Jahre ruprecht/Schlagloch und 10 Jahre doppelkeks [...mehr]
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Feuilleton
04.11.2008

Getanzte Selbsterkenntnis

„Im Schnee“: Thomas Manns Zauberberg ohne Worte

Die sechs Suiten fĂŒr Violoncello solo von Johann Sebastian Bach bilden die musikalische Grundlage fĂŒr das TanztheaterstĂŒck „Im Schnee“ von Joachim Schloemer, dass vom Kapitel „Schnee“ aus Thomas Manns Zauberberg handelt.



Die sechs Suiten fĂŒr Violoncello solo von Johann Sebastian Bach bilden die musikalische Grundlage fĂŒr das TanztheaterstĂŒck „Im Schnee“ von Joachim Schloemer, welches vom Kapitel „Schnee“ aus Thomas Manns Zauberberg handelt.

Hierin findet Hans Castorp im Schneesturm nach und nach zu sich selbst. Zu Beginn ein Tanz, der epileptischen Zuckungen gleicht. AusgefĂŒhrt von einem Mann in schwarzem Mantel vor einer Leinwand, auf die Schneekrater projiziert werden.

Dann setzt das Cello ein und umfĂ€ngt die skurrile Stimmung mit trĂ€umerischen KlĂ€ngen, die den Zuschauer in die Welt eines inneren Konflikts entfĂŒhren. Ein weibliches Wesen in Violett versucht den Protagonisten mit Gewalt und Versuchung zu ĂŒberwĂ€ltigen, zu umgarnen. Sie verschlingen sich ineinander, lösen sich krampfartig voneinander. Sie fĂŒhrt ihn schließlich in ein Haus, in dem er auf weitere Figuren stĂ¶ĂŸt: Einen Mann in Rot, eine Frau in Rosa, eine in Blau und weitere Menschen.

Hans Castorp wird mit seinen Wesensteilen konfrontiert. Diese fĂŒr ihn befremdliche Begegnung fĂŒhrt zum Kampf unter den Wesensteilen. Es ist ein erbitterter Kampf, aufwallend und wieder abebbend, der das aus PfĂ€hlen gebaute Haus auf der BĂŒhne ganz ausfĂŒllt. WĂ€hrend die TĂ€nzer in harten Bewegungen den Konflikt ausdrĂŒcken, dĂ€mpft die weiche Musik die Szenen zu einer Traumlandschaft.

Eine Reise durch die Welt der Selbsterkenntnis


In der Pause befÀllt den Zuschauer dann Ratlosigkeit angesichts des Gesehenen, was sich nach dem Gong auch in einem sichtlich geleerten Saal bemerkbar macht. Jedoch war das Urteil derer, die gingen, vorschnell, denn nach der Pause stellt sich allmÀhlich Klarheit ein. Die vielen Wesensteile haben sich beruhigt, die Farben werden einheitlich, auch das Licht wird weicher.

Bedruckte Tafeln verkĂŒnden die Ruhe des Ichs im Schnee. Es scheint, als habe die Hauptfigur ihre Emotionen und Wesensteile anerkannt, und seien sie noch so befremdlich. Einheitlich gekleidet betrachten die Protagonisten gemeinsam den Schneefall, sichtlich beeindruckt von der plötzlichen Ruhe. Der Konflikt hat sich gelöst, es entsteht ein neues Gesamtwerk des Ichs, eine neue Ruhe und schließlich nur noch Musik, im Raum verhallend.

„Im Schnee“ lĂ€sst den Zuschauer durch eine Welt der Selbsterkenntnis wandeln, die noch lange nachwirkt. Ein besonderes Erlebnis, auch dadurch, dass die Erkenntnis und die Klarheit ganz ohne den Gebrauch von Sprache zustande kommt. Ein StĂŒck also, das diejenigen, die durchgehalten haben, am Ende umso mehr erfĂŒllt.



Weitere AuffĂŒhrungen: 10. und 21. November auf der StĂ€dtischen BĂŒhne. Eintrittskarten fĂŒr Studenten kosten ermĂ€ĂŸigt 5 bis 14 Euro

von Seraphine Meya
   

Archiv Movies 2021 | 2020 | 2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004