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 Heidelberg
04.11.2008

Weitertanzen? - Die Villa Nachttanz und ihre Geschichte

Im März 2009 läuft der Mietvertrag der „Villa Nachttanz“ aus

Das soziokulturelle Zentrum „Villa Nachttanz“ ist fester Bestandteil des jungen Heidelberger Kulturlebens. Doch der Mietvertrag des Kulturhauses läuft am 31. März 2009 aus. Es gibt jedoch noch Hoffnung und Leute, die „weitertanzen“ wollen.

Seit die Stadt Heidelberg Grundstück und „Villa“ vor fünf Jahren aufkaufte, wurde der „Villa“-Mietvertrag immer wieder verlängert. Jetzt allerdings meldet die Kommune Bedarf an. Sie will das Grundstück, wie seit 2003 geplant, in ein Gewerbegebiet verwandeln. Einen Interessenten scheint es derweil noch nicht zu geben.

Dass die „Villa“ dennoch weichen soll, begrĂĽndet die Stadtverwaltung wie folgt: Den jetzigen Standort kann die Wirtschaftsförderung nur dann mit Aussicht auf Erfolg in die Entwicklung bringen, wenn er geräumt ist. Das heiĂźt, die „Villa“ muss weg, sonst findet sich kein Interessent  fĂĽr das Gelände.Somit ist die Zukunft des Kulturzentrums ungewiss. Niemand weiĂź, wo die „Villa“ unterkommen könnte, wenn sie ihr Domizil räumen muss. Die „Villa“-Macher reagieren mit Unverständnis: „Wir wissen nicht, warum wir aufhören mĂĽssen“, sagen sie. Ein soziokulturelles Zentrum wie die „Villa“, dass die Kommune nichts kostet, sondern sogar Mieteinnahmen und Steuern einbringt, gibt es so schnell nicht wieder.

Tatsächlich ist die Geschichte der Villa eine ökonomisch, wie kulturell erfolgreiche (siehe dazu auch unseren Artikel zur „Geschichte der Villa Nachttanz“): Bis heute traten hier hunderte Bands auf, es gab viele Ausstellungen junger Künstler, über 6000 Mitglieder sind im Online-Forum der Einrichtung registriert. Wie keine andere Einrichtung in Heidelberg bietet die „Villa“ jungen Menschen die Möglichkeit, sich abseits von kommerziellen Interessen zu engagieren.

„Auch wenn die Stadt an diesem Standort ein Gewerbegebiet plant, so muss doch anerkannt werden, dass hier in den letzten sieben Jahren eine für die ganze Region wertvolle Kultureinrichtung gewachsen ist“, bemerkt Villa-Mitglied Kathrin Rabus und ergänzt, „auch Oberbürgermeister Würzner hat uns als ein ,Pflänzchen, das mittlerweile zum kulturellen Leben Heidelbergs dazugehört’ gelobt“.

Doch noch ist das Ende der Villa nicht beschlossene Sache. Die „Villa“ könnte im alten Bahnbetriebswerk Wieblingen unterkommen, falls das einmal zum Jugendkulturzentrum ausgebaut werden sollte. Letzteres hat der Jugendgemeinderat vorgeschlagen. Der „große“ Gemeinderat hat gegen diese Lösung mehrheitlich keine grundsätzlichen Bedenken. Jedoch muss das Bahnbetriebswerk vorher saniert werden, sodass das Werk frühestens in zwei Jahren zur Verfügung steht. Bis dahin bräuchte die „Villa“ eine Übergangsbleibe. „Zwei Jahre ohne Haus – das hält unser Verein einfach nicht durch“, kommentiert Villa-Kassenwart Christoph Rothfuß die prekäre Situation. „Wir brauchen auf jeden Fall eine Zwischenlösung.“

Die von der Stadt schon angebotenen alternativen Räume, stießen bei den Villa-Machern bislang nicht auf Gegenliebe. „Das war eine Drei-Zimmer-Wohnung am Rande eines Wohngebiets. Da hätte es schon beim ersten Konzert Ärger mit den Anwohnern gegeben“, erzählt Rothfuß. Zudem fehlte den Angeboten bislang immer eine Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Art der Angebote deuten auf ein Informationsdefizit in der Stadtverwaltung hin. Mit bis zu 400 Besuchern pro Woche braucht die Villa eine deutlich größere Alternative, um ihr bisheriges Programm aufrechtzuerhalten. Momentan gibt es von der Stadt keine konkreten Alternativen, wenngleich die zuständigen Ämter dabei sind, solche zu suchen.

Am liebsten wäre den „Villa“-Betreibern, wenn alles so bliebe wie bisher. Auch dies wäre eine Möglichkeit, da man abwägen muss, wie viel Geld ein soziokulturelles Zentrum die Stadt kosten wĂĽrde, wenn es die Villa nicht mehr gäbe. Die Gewerbesteuer-Einnahmen durch einen gewerblichen Villa-Nachfolger könnten sich so schnell selbst auffressen. Zusätzlich stellen sich die Villa-Betreiber die Gerechtigkeitsfrage: FĂĽr die Sanierung des Heidelberger Theaters hat die Stadt 35 Millionen Euro eingeplant. Dass man der sich finanziell selbst tragenden „Villa Nachttanz“ da keine Chance einräumen will, können die Nachttänzer nicht nachvollziehen. 

Die Geschichte der Villa Nachttanz

Im Jahr 2001 gab es in der Stadt kaum Freiräume für junge Kultur. Halle02 und Villa Nachttanz gab es noch nicht. „Nachdem sich der Jugendgemeinderat und der Arbeitskreis Jugendkultur, der bei den Jugendlichen damals als „Harlequins Universe“ bekannt war, mehr als ein Jahr lang vergeblich für ein Jugendzentrum mit Proberäumen für Bands und für einen Veranstaltungsort für Abiturfeiern eingesetzt hatten, haben wir die „Nachttanzdemos“ mit mehreren tausend Jugendlichen ins Leben gerufen“, erzählt der damalige Mitinitiator und erste Villa-Mieter Richard Leiner. „Das Motto der ersten Nachttanzdemo war: Wenn es keine Räume für uns in dieser Stadt gibt, dann tanzen wir eben solange auf der Straße“. Das war im Februar 2001.

Obwohl der Stadtrat Gelder für den Bau einer Jugendhalle vorgesehen und Planungen für einen Bau beim Haus am Harbigweg bereits konkret Gestalt angenommen hatte, geschah bis Ende 2000 nichts. Daraufhin begannen die Streiter für ein Jugendzentrum sich selbst auf die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten zu machen. Einige ehemalige „Harlequins“ gründeten noch im selben Jahr die Halle02 und andere die Villa Nachtanz. „Das Gelände gehörte damals einer Immobilienfirma“, erzählte Leiner, „von dieser habe zunächst ich und dann der eigens gegründete Trägerverein der Villa Aktiön e.V. das Haus gemietet.“ Erst im Herbst 2001 kaufte die Stadt das Gelände und drohte zum ersten Mal mit einer Kündigung des Mietvertrags. In Gesprächen gelang es jedoch die Stadtverwaltung davon zu überzeugen, dass auch ein selbstverwaltetes Kulturzentrum ein verlässlicher und verantwortungsvoller Mieter sein kann.

Oberstes Ziel der Villa Nachttanz war von Anfang an eine sich selbst finanziell tragende Einrichtung zu sein und zu bleiben. Die von den ehrenamtlichen Helfern bei Konzerten und Tanzveranstaltungen eingenommen Gelder wurden von Beginn an dazu verwendet das Haus instand zu halten, Miete und Gewerbesteuer an die Stadt zu zahlen. Die Villa ist damit das einzige Kulturzentrum Heidelbergs, dass mehr Geld an die Stadt zahlt, als es von ihr bekommt. Einrichtungen wie die Halle02 und der Karlstorbahnhof werden nach wie vor subventioniert.

2003 kam es zur ersten großen Krise: Bei einer routinemäßigen Begehung der Villa hatte die Stadt dringenden Sanierungsbedarf festgestellt, schätzte die Kosten für die Instandsetzung auf 100.000 Euro. und schloss die Villa vorerst wegen baulicher Mängel. Die Villa-Macher allerdings nahmen die nötigen Reparaturen in ehrenamtlicher Arbeit selbst vor und setzten die baulichen Anforderungen mit einem Etat von nur 8000 Euro um. Fünf Jahre konnten sie weitertanzen.

Das auf die Beine gestellte Programm, hält einem Vergleich mit kommerziell arbeitenden Einrichtungen stand: In den letzten zwei Jahren traten in der Villa mehr als 200 Bands und Life-Acts auf. Gerade Nachwuchsbands und weniger bekannte Gruppen hatten hier die Chance aufzutreten, ohne die Unkosten durch Eintrittsgelder einspielen zu müssen. Im letzten Jahr erhielt die Villa beim ClubAward der Popakademie Mannheim den Publikumspreis als bester Club im Land. Dies spiegelt sich auch in den Besucherzahlen nieder: Je nach Veranstaltung finden sich am Wochenende abends bis zu 500 Besucher auf dem Gelände ein. Mehr als 6000 Mitglieder sind im Forum der Villa online registriert und erhalten den E-Mail-Newsletter über aktuelle Veranstaltungen. Das diesjährige Festival „Festivilla“ besuchten mehr als 4000 Gäste – überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene.

Doch all dies könnte bald ein jähes Ende finden: Das Gelände der Villa ist bereits seit Jahren als Gewerbegebiet eingeplant. Der Mietvertrag war deshalb nach dem Kauf des Geländes durch die Stadt befristet. Im Juli bekamen die Nachttänzler den Bescheid, dass der Anfang 2009 auslaufende Mietvertrag, nicht mehr verlängert werden soll. Der Jugendgemeinderat und die Grünen brachten daraufhin das Thema in den Gemeinderat ein – am 16. Dezember soll nun über die Zukunft der Villa abgestimmt werden.

von Paul Heesch
   

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