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04.05.2010

Höher, schneller – weiter so?

Wie sich Neu-Delhi fĂŒr die Commonwealth Games im Oktober rĂŒstet

In Anlehnung an die Olympischen Spiele veranstalten Commonwealth-Staaten alle vier Jahre die Commonwealth Games. 2010 finden sie in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi statt. Einer Stadt, in der die HÀlfte der Bevölkerung in Slums lebt.

In Anlehnung an die Olympischen Spiele veranstalten Commonwealth-Staaten seit 1930 alle vier Jahre die Commonwealth Games. Dieses Jahr trÀgt die indische 16-Millionen-Hauptstadt Neu-Delhi die Spiele aus. Doch wie funktioniert das in einer Stadt, in der 53 Prozent der Bevölkerung in Slums leben?

Anfangs war der Jubel groß. Die Bewohner Delhis waren stolz, dass sich ihre Stadt als Austragungsort gegen das kanadische Hamilton durchsetzen konnte. Man verspricht sich viel von dem bis dato grĂ¶ĂŸten Sportereignis in der Geschichte der Stadt. Das zeigt auch die offizielle Darstellung, in der die Spiele als „unique, friendly, world-class, multi-sports Games“ propagiert werden. Das Attribut „Weltklasse“ wird betont. Denn die Spiele sollen Delhi zu einer modernen Superstadt aufsteigen lassen und das Bild Indiens als kommende ökonomische Supermacht international festigen.

Doch es mehren sich Zweifel, ob Delhi dieser Mammutaufgabe gewachsen ist. Es geht um die Realisierbarkeit und die positiven Auswirkungen des Großereignisses. Die Infrastruktur und Stadien werden bis Oktober umgerechnet 1,5 Milliarden Euro verschlungen haben. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung Delhis leben unter der Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar am Tag. Im Vergleich dazu erscheinen die Milliarden fĂŒr die Spiele absurd.

Wem nutzen also die Commonwealth Games? Wird die Schere zwischen Arm und Reich durch sie weiter auseinander klaffen? Die BefĂŒrworter sehen das sportliche Großereignis als Entwicklungschance fĂŒr die Stadt: Es fördere den Tourismus, wenn nun Straßen, U-Bahnen, Hotels und die generelle Infrastruktur ausgebaut und erweitert werden. Zudem sollen durch die Spiele auslĂ€ndische Investitionen in die Stadt strömen, wodurch Delhi Pluspunkte in der internationalen StĂ€dtekonkurrenz sammeln soll. Delhi als Weltstadt, ist die Vision der aus allen NĂ€hten platzenden Megastadt. 

Es ist absehbar, dass die Kosten fĂŒr die Spiele um mehr als 250 Prozent höher sein werden als geplant. Delhis Haushalt gleicht nicht mehr einem Loch, sondern einem Krater. Und das, obwohl die rund 900.000 zugewanderten Arbeiter aus dem Norden Indiens nicht mal den im Vorfeld vereinbarten Mindestlohn erhalten. Sie arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche daran, die Stadien und Straßen pĂŒnktlich fertigzustellen. Nachts sieht man auch viele Kinder Steine und Stahlstangen im Scheinwerferlicht schleppen. Mehrere hundert Menschen sterben tĂ€glich auf den waghalsig konstruierten und ungesicherten Baustellen.

580.000 Menschen mĂŒssen den Baumaßnahmen weichen. Neue SiedlungsflĂ€chen stehen ihnen nicht zur VerfĂŒgung. All dies sind Folgen der Commonwealth Games, die als „einzigartig“ und „freundlich“ beworben werden. Einzigartig ist auch die fehlende Abstimmung der vier Baukoordinatoren. So legt die eine Baufirma einen gepflasterten neuen BĂŒrgersteig an, der keine Woche spĂ€ter von einer anderen wieder aufgerissen wird, um dort neue Leitungen zu verlegen.

Oftmals sind auch hohe Erstinvestitionen von Nöten. Viele Projekte bauen nur auf einer marginal vorhandenen Infrastruktur auf. Viel schwerwiegender sind jedoch die hohen OpportunitĂ€tskosten des in die Spiele investierten Kapitals. Die nun fĂŒr den Stadienbau auf- gewendeten Gelder hĂ€tten auch fĂŒr soziale Projekte genutzt werden können.

Ein weiterer Faktor kommt noch hinzu: die negativen ökologischen Auswirkungen der Bauprojekte. Im Osten Delhis sollen an den Ufern des Yamuna-Flusses UnterkĂŒnfte fĂŒr die rund 8.500 Athleten entstehen. Dies gefĂ€hrdet das sensible Ökosystem des Flusses, er als Grundwasseraufbereitungsgebiet essentiell fĂŒr die Millionen Einwohner der Stadt ist. Lokale Umweltaktivisten befĂŒrchten, dass die Massivbauweise der geplanten UnterkĂŒnfte das Grundwasser schwerwiegend beeintrĂ€chtigen und der Fluss bald austrocknen werde.

Die Commonwealth Games dienten vielen als Hoffnung. Doch der normale Wahnsinn auf den Straßen Delhis ernĂŒchtert. Auf den Straßen, die unter riesigen Staus oft nur zu erahnen sind, fahren jeden Tag 1.000 neue Autos und etliche Baustellen kommen hinzu. Dazwischen wuseln Kinder, die Wackel-Dackel und Zeitschriften verkaufen, bunte Rikschas, rasende MotorrĂ€der und ĂŒberfĂŒllte Busse.

Die Stadtentwicklung hinkt dem Bevölkerungswachstum hinterher und konzentriert sich derzeit nur darauf die Spiele durchzufĂŒhren. FĂŒr die Zeit danach wird nicht geplant. Bis Oktober heißt es: immer höher, schneller und weiter. Delhi steht in den Startlöchern. Komme was da wolle.

von Leona Lynen
   

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