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 Heidelberg
18.01.2011

Bundesstraße 37 geht baden

Hochwasser in Heidelberg bedeutet Stress für Helfer und Anwohner

Das Hochwasser Mitte Januar war das höchste seit Jahren. Auch wenn die Überschwemmungen am Ende geringer ausfielen, als zunächst befürchtet, hatten die Helfer und die Anwohner viel zu tun. Der ruprecht war vor Ort.

Das Hochwasser Mitte Januar war das höchste seit Jahren. Auch wenn die Überschwemmungen am Ende geringer ausfielen, als zunächst befürchtet, hatten die Helfer und die Anwohner viel zu tun. Der ruprecht war vor Ort.

Es regnet bereits seit Stunden an diesem frühen Donnerstagabend. Ines Amberg sitzt in ihrem provisorischen Büro in der Feuerwache Altstadt. Zwischen Aktenschränken und Beistelltischen etwas beengt untergebracht, blickt sie skeptisch auf die zwei vor ihr aufgebauten Computermonitore. Livebilder der alten Brücke zeigen ihr, dass der Verkehr auf der Bundestraße 37 noch ungehindert fließt. Doch die Wasserstandkurven daneben lassen die Koordinatorin des Heidelberger Hochwasserdienstes langsam unruhig werden. „Die Prognosen sagen uns über fünf Meter voraus. Das hatten wir seit Jahren nicht mehr.“

Das Telefon klingelt. Besorgte Altstädter fragen nach, was diese ganzen Hochwassermeldungen eigentlich bedeuten würden. „Das sind vor allem Zugezogene. Wer das einmal mitgemacht hat, der weiß, was jetzt auf ihn zukommt.“Dann ruft das Ordnungsamt zurück. Ob sie das unter der Alten Brücke geparkte Auto jetzt abschleppen sollen, wollen die Blaumänner wissen. Das Wasser schwappe schließlich schon über die Sandsäcke.

Draußen, im Regen, stapfen überall entlang des Ufers Männer in orangefarbenen Arbeitsanzügen herum. Große Absperrungen werden aufgebaut, damit nicht wieder ein Autofahrer versuchen kann, doch noch durch die überschwemmten Stellen zu fahren. Und die Feuerwehr ihn nicht schließlich wieder herausziehen muss. „Man kann den Leuten bei einer solch angespannten Lage sagen was man will, die machen ja doch alle, was sie für richtig halten“, schüttelt ein Arbeiter den Kopf.

Die Anwohner entlang des Neckars sind ebenfalls seit dem Morgen beschäftigt. Keller werden leer geräumt, Autos umgeparkt, alles Bewegliche in Sicherheit gebracht. Die Kollegen von Ines Amberg haben an verschiedenen Stellen kleine Container mit Sandsäcken abgeladen, damit sich die Altstädter vor den braunen Fluten des Neckars zumindest ein wenig schützen können. Manche Hauseingänge gleichen dadurch inzwischen regelrecht militärischen Stellungen.

„Vor allem entlang des Tränktors wird es für die Leute kritisch“, erklärt einer der Männer in Orange, während der Regen in seinen Kragen strömt. „Aber die sind auch am besten darauf vorbereitet.“ Tatsächlich haben viele Häuser in den neckarnahen Straßen an ihren Türen Führungsschienen für Spundwände. Zusammen mit den obligatorischen Sandsäcken und meterweise Folie versuchen die Anwohner dadurch, das Wasser zurückzuhalten. Doch das eigentliche Problem ist nicht das Wasser an der Oberfläche.

„Der Neckar dringt durch den weichen Untergrund und unterspült den Uferbereich. Dann kommt das durch die Kanalisation quasi von hinten in die Keller. Dagegen können wir alle nichts ausrichten“, hatte Ines Amberg bereits erklärt. Im besten Fall könne man den gröbsten Schlamm zurückhalten. Überhaupt mache der Dreck den Betroffenen den meisten Schaden. „Wenn der nach dem Hochwasser nicht schnell entfernt wird, ist der hart wie Beton. Dann bekommen wir den auch mit großen Maschinen kaum von der Fahrbahn gekratzt. Und stellen Sie sich das mal bei Kopfsteinpflaster vor!“

Die Betreiber des Nectar haben derweil noch andere Sorgen. Ihre Bar liegt mit am tiefsten im Überschwemmungsgebiet. Wenn es jemanden trifft, dann sie. Seit dem Morgen haben die Mitarbeiter alles Bewegliche abtransportiert. Wobei mit „beweglich“ auch Kühlschränke und komplette Musikanlagen gemeint sind. „Die Versicherung zahlt nur, was wirklich fest installiert ist, also zum Beispiel den Tresen. Alles andere muss raus!“, erklärt Thomas Dietz, einer der Betreiber, erschöpft.

Am Neckarmünzplatz bewundern Touristen unterdessen den ganzen Stolz der Hochwasserschützer. Spundwände aus Aluminium, die an fest im Boden verankerten Schienen angebracht werden, schirmen den eigentlich für Touristenbusse gedachten Platz ab. Der Einsatz ist eine Premiere, denn seit Jahren waren die Hochwasser am Neckar nicht hoch genug, um auch diesen Teil der Altstadt zu erreichen. Kurze Zeit später beginnen Arbeiter damit, trotz der neuen Schutzmaßnahme Stege aufzubauen. Wenn das Wasser zu sehr steigt, dann hilft auch das glänzende Aluminium nicht mehr. Und es regnet unaufhaltsam weiter.

„Viele Leute haben eine falsche Vorstellung vom Hochwasser“, erklärt Ines Amberg später, wieder in ihrem kleinen, aber immerhin trockenen Büro. „Wir können da nicht einfach eine Wand hochziehen, und dann bleibt das Wasser draußen. Entweder ist der Druck zu stark und alles stürzt ein. Oder die Wand wird unterspült und das Wasser drückt sich unter der Absperrung durch. Deshalb können wir an der alten Brücke auch nur die drei Reihen Sandsäcke auslegen, andernfalls würde die Fahrbahn unterspült und vom Wasser angehoben.“ Sie nimmt einen Schluck Kaffee und blickt kurz auf die Hochwasserkurven. Dann fügt sie hinzu: „Uns macht das auch keinen Spaß, jedesmal die einzelnen Säcke zu füllen und auszulegen.“ Dann klingelt das Telefon und Ines Amberg muss wieder besorgte Anwohner beruhigen. Dem Hochwasserdienst steht eine lange Nacht bevor, der Höchststand wird für den nächsten Morgen erwartet.

Heidelberg lebt seit jeher mit dem Neckar und seinen wechselnden Pegeln. Bis in das 18. Jahrhundert reichen die Hochwassermarkierungen zurück, die an zahlreichen Häusern in der Altstadt zu finden sind. Das letzte sogenannte „Jahrhunderthochwasser“ überschwemmte die Stadt kurz vor Weihnachten 1993. Damals erreichte der Pegel 6,61 Meter, also beinahe fünf Meter über dem Normalstand. Weite Teile Heidelbergs und anderer Städte in der Region wurden vom schlammigen Wasser geflutet.

Der Neckar wurde damals insbesondere von kleinen Bächen, die sich blitzartig zu reißenden Strömen verwandelt hatten, gespeist. Als Reaktion bauten Gemeinden in der Region zahlreiche Regenrückhaltebecken. Nach Meinung von Experten eine erfolgreiche Lösung, denn seitdem waren die alljährlichen kleineren Hochwasser deutlich harmloser.

Es ist Freitagmittag, der Regen hat aufgehört und Ines Amberg sitzt erschöpft in ihrem Büro. Die Nacht über hatte ein Kollege den Dienst übernommen, daher hat sie erst am Morgen von der guten Nachricht erfahren. Die Hochwasserzentrale Baden-Württemberg hat noch in der Nacht die Prognose für Heidelberg deutlich heruntergesetzt, die Experten gehen inzwischen von deutlich unter fünf Metern aus. Die Bundestraße 37 ist an der Alten Brücke dennoch meterhoch überschwemmt, an anderen Stellen steht das Wasser flacher auf der Fahrbahn. Scharenweise strömen Touristen auf die Brücke, um das ungewohnte Bild digital festzuhalten.

Die Angestellten des Hotels Holländer Hof, direkt an der Brücke gelegen, sind derweil entspannt am arbeiten. „Wir hatten zwar unseren Keller zum Teil ausgeräumt, aber zum Glück hat es nur ein bisschen von der Wand getropft“, freut sich Nora Grohmann-Fey, während sie versucht, ausländische Gäste trotz der zahlreichen Absperrungen den Weg zum Hotel zu erklären. „Anders war das 1993, da stand das Wasser in unserem Keller bis zur Decke.“

Die Hochwasserschützer bauen derweil bereits die Stege am Neckarmünzplatz ab. Schließlich sollen die Straßen möglichst schnell wieder freigegeben werden. Am nächsten Tag beginnt das Wochenende und durch die Umleitungen bricht der Verkehr in der Friedrich-Ebert-Anlage, der einzigen Ausweichstrecke für das Neckartal, bereits an diesem Tag zusammen. Das eigentliche Problem für die städtischen Mitarbeiter ist diesmal aber nicht der über die Ufer getretene Neckar.

Ines Amberg sieht müde aus, als sie erklärt, dass durch den vielen Regen zahlreiche Straßen im Stadtgebiet unterspült und unbefahrbar geworden sind. In Ziegelhausen hat es einen großen Erdrutsch gegeben. Auch darum müssen sich ihre Kollegen kümmern. Mittlerweile sind sie seit Wochen im außerplanmäßigen Einsatz, schieben ununterbrochen Sonderschichten. Während des besonders schneereichen Winters waren sie für die Streudienste zuständig.

Dann kamen zwei kleinere Hochwasser, das letzte nur wenige Tage zuvor. „Am Mittwoch haben die Kollegen in Wieblingen die Barrieren und Stege abgebaut, am Donnerstag durften sie dann alles wieder aufbauen.“ Trotzdem hoffen sie, die jetzigen Aufräumarbeiten schnell zu erledigen – um dann weiterarbeiten zu können. „Schließlich haben alle Kollegen auch reguläre Aufgaben außerhalb dieser Sondereinsätze. Die sind jetzt natürlich seit Wochen liegen geblieben.“

von Benjamin Jungbluth
   

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