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 Interview
11.07.2011

„Wir lassen uns zu leicht ins Bockshorn jagen“

Vier Heidelberger Akademikerinnen diskutieren ĂŒber Frauen in der Wissenschaft

Katja Patzel-Mattern

Katja Patzel-Mattern, 41, ist Professorin fĂŒr Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Nach ihrer Promotion war sie auch außerhalb der Uni, unter anderem am Landesmuseum fĂŒr Technik und Arbeit in Mannheim, tĂ€tig.

Sandra Kluwe

Sandra Kluwe, 36, lehrt Literaturwissenschaft in der Germanistik mit besonderem Interesse fĂŒr Genderforschung. Sie ist Gleichstellungsbeauftragte an der Neuphilologischen FakultĂ€t.

Claudia Ullrich de Flores

Claudia Ullrich de Flores, 30, zieht fĂŒr ihre Doktorarbeit in der Romanischen Sprachwissenschaft nach Bolivien. Dort wird sie die zweisprachige Grundschulerziehung indigener Gemeinschaften untersuchen.

Julia Portl

Julia Portl, 27, analysiert und visualiert fĂŒr ihre Dissertation neuromuskulĂ€re Verbindungen. In ihrer Arbeitsgruppe in der Informatik sind vier von neun Mitarbeitern sind weiblich.

Die Debatte um weibliche FĂŒhrungskrĂ€fte in Politik und Wirtschaft bleibt meist theoretisch. Doch welche Erfahrungen machen Frauen im akademischen Leben? Stefanie Fetz sprach mit vier Heidelberger Wissenschaftlerinnen ĂŒber Quoten- und Vorbildfrauen und GrĂŒnde fĂŒr oder gegen eine Uni-Karriere.

Die Debatte um weibliche FĂŒhrungskrĂ€fte in Politik und Wirtschaft bleibt durchweg theoretisch. Wir wollen wissen, welche Erfahrungen Frauen im akademischen Leben machen und fragen Heidelberger Wissenschaftlerinnen. Katja Patzel-Mattern, Sandra Kluwe, Claudia Ullrich de Flores und Julia Portl diskutieren ĂŒber Quoten- und Vorbildfrauen, ĂŒber GrĂŒnde fĂŒr und gegen eine Karriere an der UniversitĂ€t.

Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Stefanie Fetz

ruprecht: Warum sind „Frauen in der Wissenschaft“ ĂŒberhaupt ein Thema? Warum mĂŒssen wir hier sein und darĂŒber reden?

Katja Patzel-Mattern: Es gibt noch nicht viele Generationen von Frauen, die in Deutschland in den Wissenschaften Fuß fassen konnten, denn das Frauenstudium wurde erst 1900 in Baden eingefĂŒhrt. Heute sind Frauen in einzelnen FĂ€cher und vor allem in FĂŒhrungspositionen nach wie vor unterreprĂ€sentiert.

ruprecht: Die Anzahl der UniversitÀtsabsolventinnen nimmt stetig zu, der Anteil der Professorinnen liegt momentan bei zwölf Prozent. Woran liegt das?

Sandra Kluwe: Nach dem Gleichstellungskonzept der UniversitĂ€t Heidelberg gilt: Wenn in einem Berufungsverfahren weniger als 20 Prozent Bewerbungen von Wissenschaftlerinnen eingegangen sind, soll aktiv rekrutiert werden. Zumindest fĂŒr eine Übergangsphase muss wohl in dieser Art nachgeholfen werden.

Patzel-Mattern: Wie ist denn Ihre Erfahrung? Wird wirklich aktiv nachrekrutiert?

Kluwe: Das kann ich so nicht beurteilen. In den geisteswissenschaftlichen FĂ€chern gehen wohl in den meisten FĂ€llen genĂŒgend Bewerbungen von Frauen ein. FĂŒr die Naturwissenschaften dĂŒrfte eine zusĂ€tzliche Schlaufe hier und da notwendig sein.

Claudia Ullrich de Flores: Als studentisches Mitglied in einer Berufungskommission in der Romanistik war meine Erfahrung, dass zunĂ€chst ein Großteil der Bewerber Frauen waren. In der Vorauswahl, an der nicht alle Kommissionsmitglieder gleichmĂ€ĂŸig mitwirken, fiel ein ganz großer Teil der Frauen raus – warum auch immer. In der engeren Wahl war der MĂ€nneranteil dann letztlich höher. Das gibt einem doch zu denken, wenn es vorher partiell mehr Frauen waren. Vielleicht liest sich der ein oder andere Lebenslauf nicht so gut, weil man eben nicht so schnell so weit gekommen ist; weil andere Dinge im Leben auch eine Rolle spielen, die bei einem Mann nicht ganz so zeitintensiv sind.

ruprecht: Wie ist die Erfahrung in den Naturwissenschaften?

Julia Portl: In meinem Studium der Informatik und Mathematik hatte ich durch die Bank herausragende Professorinnen. Auch meine Doktormutter ist eine Frau. Ich mag vielleicht die Ausnahme sein, bisher habe ich mir da wenig Gedanken drĂŒber gemacht, weil ich beim Thema Frauen in den Naturwissenschaften nie an Grenzen gestoßen bin.

ruprecht: Es gibt die These, dass Frauen als Lehrende beide Geschlechter fördern, MĂ€nner jedoch eher MĂ€nner fördern. WĂŒrden Sie dem zustimmen?

Ullrich: Ich komme aus einem Fach mit besonders hohem Frauenanteil unter den Studierenden. Wir hatten wĂ€hrend meines Studiums hauptsĂ€chlich mĂ€nnliche Professoren und es war schon auffĂ€llig, dass  viele von den HiWis MĂ€nner waren. Auch im Kreise derer, die dann eine Promotion beginnen, sind ĂŒberdurchschnittlich viele MĂ€nner dabei.

Patzel-Mattern: Man sucht Leute nach Ähnlichkeiten aus. Diese können zum Beispiel auch im Lebenslauf liegen. Der sogenannte ‚Normallebenslauf‘ hat bei der Stellenbesetzung lange Zeit als Maßstab gegolten; sehr geradlinig und zielgerichtet, ohne Unterbrechungen und ohne Schlenker, eher ein mĂ€nnlicher Lebenslauf. Ein anderer Punkt: MĂ€nner sind hĂ€ufig auch schon am Beginn ihrer Laufbahn sehr zielorientiert. Die kommen nĂ€mlich und sagen: Ich suche eine HiWi-Stelle, haben Sie eine? Das machen Frauen viel seltener.

Kluwe: Ein mĂ€nnlicher Professor erzĂ€hlte mir mal, dass ein mĂ€nnlicher Student zu ihm kam und fragte: Ich möchte bei Ihnen Assistent werden, was muss ich dafĂŒr tun? Ich selbst erinnere mich an Studenten, die zu mir in die Sprechstunde gekommen sind und gesagt haben: Wenn ich in der PrĂŒfung ‘ne Eins haben will, was muss ich machen? Das geht in dieselbe Richtung. Aber letztlich ist das natĂŒrlich immer auch eine Frage des individuellen Typs, bei Frauen ebenso wie bei MĂ€nnern. Wobei Frauen offensives Selbstmarketing statistisch gesehen wohl hĂ€ufiger peinlich ist und bei ihnen schneller eine Gehemmtheit im Auftreten entsteht. Frauen setzen sich viel zu oft freiwillig in die zweite Reihe, verstecken sich. Im PrĂŒfungsverhalten fĂ€llt mir das auch oft auf. Es gibt diesen Typus einer sehr fleißigen und sehr leistungsfĂ€higen  Studentin, die sich in der PrĂŒfung sehr schlecht verkauft, Ă€ngstlich und schĂŒchtern auftritt und sich nicht viel zutraut. Die typische Reaktion ist dann immer: Was, ich habe eine Eins gemacht? Das hĂ€tte ich jetzt nicht gedacht. Wobei das eigentlich völlig klar war.

Patzel-Mattern: Das hat natĂŒrlich auch etwas mit Rollenverhalten und Erwartungen zu tun. Klassischerweise wird von Frauen eher ein integratives GesprĂ€chsverhalten erwartet. In meinen Seminaren beobachte ich, dass MĂ€nner hĂ€ufiger dazu neigen, lange Co-VortrĂ€ge zu halten, wohingegen Frauen versuchen, AnschlĂŒsse herzustellen.

ruprecht: Wie sind die Erfahrungen in Ihrer Uni-Karriere? Gab es Diskriminierungen oder Momente, in denen Sie daran gedacht haben, als Frau benachteiligt zu werden?

Patzel-Mattern: Ich hatte lange Zeit das GefĂŒhl, als Frau stark von Fördermaßnahmen zu profitieren. Meine Stipendien habe ich natĂŒrlich durch Leistungen erhalten, vielleicht aber auch angesichts  des Bewusstseins, man brauche mehr Frauen in den Wissenschaften. Ich glaube, der ‚Normallebenslauf“ bricht zunehmend auf und es wird mehr honoriert, neben der UniversitĂ€tsausbildung links und rechts geschaut zu haben – auf jeden Fall in den Geisteswissenschaften. Damit wird der Weg fĂŒr Frauen, die hĂ€ufiger andere LebenslĂ€ufe haben, in die akademische Karriere leichter.

ruprecht: Gibt es zu wenig Förderung speziell fĂŒr Frauen?

Patzel-Mattern: Ich glaube ja. Aber es stellt sich natĂŒrlich auch die Frage: Woran soll eine spezifische Frauenförderung gekoppelt sein? Es fehlt vor allem daran, jungen Frauen die Gewissheit zu geben, dass sie eine bestimmte Ausbildungs- oder Karrierestufe erreichen können und dass eine solche Zielsetzung legitim ist. Das fĂ€ngt bereits auf einer frĂŒheren Ebene an – auch wenn die Uni selbstverstĂ€ndlich ebenfalls einen Beitrag leisten kann.

Kluwe: Bis vor kurzem wirkte es in Auswahlkommissionen zentraler Fördereinrichtungen leicht peinlich, nach der Frauenquote zu fragen. Jetzt wird das standardmĂ€ĂŸig geprĂŒft.

Patzel-Mattern: Vielleicht wĂŒrde da die Aufgabe unterstĂŒtzend zu wirken doch wieder in den HĂ€nden der UniversitĂ€tslehrerinnen und -lehrer liegen: Frau, bewirb dich auf ein Stipendium, trau dir das zu. Ich unterstĂŒtze dich, ich bin sicher, du kannst das. Es ist wichtig, Frauen ganz spezifisch in ihrem Weg zu bestĂ€rken.

Ullrich: Ich persönlich möchte nicht bevorzugt werden, weil ich eine Frau bin. Ich möchte die gleichen Chancen haben. Ich möchte nicht reden dĂŒrfen, weil ich eine Frau bin, sondern ich möchte reden dĂŒrfen, weil ich etwas zu sagen habe. So ist es auch mit Stipendien. Man muss Frauen vielleicht mehr motivieren, ihnen Wege aufzeigen. Aber ich persönlich möchte nicht das GefĂŒhl haben, ich habe ein Stipendium oder die Professur bekommen, weil es eine Frauenquote gab.

Portl: NatĂŒrlich muss man frĂŒher herangefĂŒhrt werden, zum Beispiel mit dem Girls Day in den Naturwissenschaften. Solange sich die Geschlechteraufteilung der Studenten nicht bei den Lehrenden einigermaßen widerspiegelt, muss man auch an der Basis arbeiten. FĂŒr mich war es immer total selbstverstĂ€ndlich und ich habe mir nie Gedanken darĂŒber machen mĂŒssen, ob Frau oder nicht Frau. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich auf einem MĂ€dchengymnasium war. Wenn es keine Probleme und kein GefĂ€lle gĂ€be, hĂ€tten wir auch keine Frauenbeauftragten. Aber mir wurden nie Steine in den Weg gelegt.

ruprecht: Wie fiel die Entscheidung, zu promovieren?

Portl: Ich hatte wie viele Mathematik-Studentinnen auf Lehramt studiert. Am Ende meines Studiums hatte ich gar nicht das BedĂŒrfnis, an die Schule zu gehen.Ich wollte promovieren und das ging dann.

Ullrich: FĂŒr mich waren Noten und der schulische Erfolg nie so wichtig. Ich hĂ€tte nie gedacht, im Vergleich zu meinen Kommilitonen in einer besseren Leistungsgruppe zu liegen. Mein Professor, bei dem ich jetzt die Promotion beginne, hat schon sehr frĂŒh begonnen, mich zu motivieren. Er hat mich als HiWi angestellt und im vierten oder fĂŒnften Semester in sein Doktorandenkolloquium geholt. Er hat mir sehr frĂŒh das GefĂŒhl gegeben, ich könne das und er traue mir das zu. Dennoch ist mir die Entscheidung schwer gefallen, weil mehr dazugehört als die fachliche Kompetenz. Man muss den ganzen Lebensentwurf ĂŒberdenken. Und die Entscheidung ist erst kĂŒrzlich gefallen.

ruprecht: Fiel damit auch die Entscheidung fĂŒr eine Karriere an der Uni?

Ullrich: Ich könnte mir gut vorstellen, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten. Aber fĂŒr eine echte UniversitĂ€tskarriere bin ich die Falsche. Ich möchte nicht so werden mĂŒssen, wie man vielleicht muss. Ich möchte nicht mit Ellbogen kĂ€mpfen, um weiterzukommen.

Kluwe: Sie wĂŒrden eine typische Uni-Karriere mit der FĂ€higkeit beschreiben, die Ellbogen auszufahren und strategisch zu agieren?

Ullrich: Ein StĂŒck weit. Ich kann das aber nur fĂŒr meine Institute und Seminare sagen – und klar, da gibt es auch Unterschiede.

Portl: In der Wirtschaft wird genauso wenig gekuschelt.

Ullrich: Das ist natĂŒrlich wahr. Aber eine Entscheidung fĂŒr eine UniversitĂ€tskarriere muss man sich insofern gut ĂŒberlegen, weil der Weg raus nicht mehr so einfach ist. Angenommen ich brauche noch ein paar Jahre fĂŒr meine Promotion, bin Mitte bis Ende 30 und habe nicht die Möglichkeit, an der Uni zu bleiben. Möchte man dann wechseln, werten Personaler die TĂ€tigkeit an der Uni meist nicht als Berufserfahrung. Man ist BerufsanfĂ€nger, im schlimmsten Fall auch noch fachlich ĂŒberqualifiziert.

Patzel-Mattern: In der Überlegung fĂŒr oder gegen eine Unikarriere spielt auch folgendes eine Rolle: MĂ€nner haben oft die Assistentenstelle, die frĂŒher von einer C1- in eine C2-Stelle umgewandelt wurde. Das gibt Planungssicherheit. Es ist kein Zufall, dass ich den Weg ĂŒber Stipendien gewĂ€hlt habe – ein klassisch weiblicher Lebensweg. Er ermöglicht FlexibilitĂ€t – sei es fĂŒr Partnerschaft, Familie oder außeruniversitĂ€res Engagement, manchmal zulasten der Sicherheit.

Kluwe: Mich wĂŒrde interessieren, ob sich Frauen Handicaps immer noch selbst zuschreiben, oder ob sie vielleicht sogar im Sinne der Überkompensation erst recht ostentativ auftreten: Bloß nicht in die Schublade der zurĂŒckhaltenden Dame gesteckt werden wollen, obwohl solches Verhalten in anderen Einrichtungen wie der Schule oder in der Erziehung nicht selten auf positive Resonanz stĂ¶ĂŸt.

Patzel-Mattern: Die VerstĂ€rkung im Kindesalter halte ich fĂŒr ganz massiv. MĂ€dchen werden in Kindergarten und Schule immer noch fĂŒr ihre zurĂŒckhaltende Art gelobt. Das betont schon eine gewisse Erwartungshaltung und hĂ€ngt sicherlich mit weiblichem GesprĂ€chsverhalten, der Selbstsicherheit, der FĂ€higkeit, eigene AnsprĂŒche zu formulieren, zusammen.

ruprecht: Sie sprechen das Thema Familie an. In einem GesprĂ€ch mit Frauen ĂŒber Karriere kommt man automatisch an diesen Punkt. Warum werden ihre mĂ€nnlichen Kollegen nie nach Familie, Kindern und der Vereinbarkeit mit dem Beruf gefragt?

Kluwe: Es gehört im Allgemeinen nicht zum mĂ€nnlichen Kommunikationsstil, ĂŒber das Privatleben zu sprechen. Das wird professionell ausgeblendet. Die meisten prototypischen Karrieremenschen sind stolz darauf, wenn sie alles Private in irgendeiner Art und Weise unsichtbar gestalten können.

Patzel-Mattern: Deutschland löst sich erst langsam von den Denkmustern Mann ist gleich ErnĂ€hrer, Frau ist gleich Familie. Ich habe zwei Kinder, mein Mann hat seine Arbeitszeit reduziert, damit das so funktioniert. Ich befinde mich hĂ€ufig in dem Zwiespalt, genĂŒge ich meiner Familie und genĂŒge ich meinem Beruf? Ich verlĂ€ngere dieses Denkmuster also in mein eigenes Leben hinein.

Ullrich: Das hat natĂŒrlich auch was mit der Familienpolitik eines Landes zu tun: In den Niederlanden, in Frankreich und in den USA kann der Arbeitgeber spĂ€testens nach drei Monaten gesetzlich einfordern, dass die Frau wieder arbeitet. Ich bemerke bei mir selbst, obwohl ich mich eigentlich als relativ emanzipiert betrachten wĂŒrde, dass ich mich schon manchmal frage: Warum hat man ein Kind, dass man es nach drei, vier Monaten jemand anderem ĂŒberlĂ€sst? Die Lösung wĂ€re, das letztlich innerhalb der Partnerschaft auszugleichen, dass beide daran beteiligt sind, aber beide auch beruflich soweit sie denn möchten, weitermachen könnten. 

Patzel-Mattern: Hinzu kommen aber auch Terminkollisionen und mögliche KrankheitsfÀlle. Es ist eine enorme Belastung, das zu koordinieren. Eine institutionelle Kinderbetreuung kann hier Sicherheit und Konstanz bieten.

ruprecht: Sollte die Uni mehr Betreuungsmöglichkeiten anbieten und diese flexibler gestalten?

Ullrich: Nicht nur in der wissenschaftlichen Arbeitswelt muss die institutionelle Förderung stimmen, damit sich Frauen fĂŒr Kinder entscheiden. Die meisten Frauen in meinem Bekanntenkreis warten, bis sie fertig sind mit Studium oder Promotion. Aber die Tatsache, dass ich nicht viel ĂŒber das Betreuungsangebot in Heidelberg sagen kann, ist eigentlich erschreckend. Vielleicht könnte da eine UniversitĂ€t offensiver vorgehen, auf Studentinnen aktiv zugehen und Angebote aufzeigen, die Familie und Studium vereinbar machen.

Patzel-Mattern: Das Hortangebot hier an der Uni wendet sich gar nicht vorrangig an Studierende. Langfristig könnte das aber auch ein Standortvorteil fĂŒr UniversitĂ€ten werden, wenn Studierende knapp werden.

Kluwe: In einigen StudiengĂ€ngen der UniversitĂ€t Heidelberg wird mittlerweile ein Teilzeitstudium angeboten – unter anderem speziell fĂŒr Studierende, die Eltern sind. Das darf den betreffenden Studierenden gegenĂŒber Vollzeitstudierenden natĂŒrlich keine Nachteile einbringen.

Patzel-Mattern: Ein Teilzeitstudium zeigt ja auch, dass man flexibel ist und es schafft, unterschiedliche Anforderungen zu kombinieren und trotzdem einen bestimmten Bildungsabschluss zu erzielen.

ruprecht: Wie wĂŒrden Sie die zukĂŒnftige Entwicklung einschĂ€tzen? Wird es sich irgendwie einrenken oder muss viel dafĂŒr getan werden, damit sich etwas verĂ€ndert?

Kluwe: Ohne Nachhilfe wird sich nicht viel tun. Am Germanistischen Seminar hatten wir ĂŒber Jahrzehnte hinweg ein Direktorium, das sich aus 100 Prozent MĂ€nnern zusammengesetzt hat. Frauen fanden sich im Mittelbau, als außerplanmĂ€ĂŸige Professorinnen oder Privatdozentinnen. Wir brauchen dringend mehr weibliche Orientierungsfiguren. Wahrscheinlich wird sich das auch in den nĂ€chsten zehn Jahren nicht von selbst erledigt haben, dafĂŒr gibt es im öffentlichen Leben immer noch viel zu starke BeharrungskrĂ€fte.

Ullrich: Ja, diese weiblichen Professorinnen als Vorbild, als Motivationsfaktor, braucht es unbedingt.  WĂ€hrend meiner Studienzeit bis vor zwei Jahren gab es unter den Professorinnen keine Frauen mit Kindern. Da ĂŒberlegt man sich natĂŒrlich, ob man eine Karriere ohne Kompromisse will.

Kluwe: Kommt eine Frau, die sich als Role Model mit Kindern und entsprechender Lebensgestaltung prÀsentiert, nicht gleichzeitig in die Gefahr, zur Vorzeigedame funktionalisiert zu werden, die beweist, dass alles möglich ist und es letztlich gar nicht so schwierig war?

Patzel-Mattern: BrĂŒche und Selbstzweifel mĂŒssen eben auch thematisiert werden. GrundsĂ€tzlich geht es darum, nicht an die Leistungsgrenzen zu kommen, wenn man gleichzeitig mit Familie und Karriere glĂŒcklich sein will.

ruprecht: Um etwas zu Àndern, sollte die Uni also zum einen Frauen bestÀrken und zum anderen MÀnner auch mal nach der Familie fragen?

Patzel-Mattern: Ja, natĂŒrlich liegt es auch an der Institution, nicht zu erwarten, dass ein Mann auf jeden Fall immer kann. Ihm mĂŒssen genauso mögliche familiĂ€r bedingte Auszeiten gegeben werden.

Ullrich: Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich auch immer mehr junge MĂ€nner vorstellen können, fĂŒr die Karriere der Partnerin zurĂŒckzustecken – sei es aus finanziellen GrĂŒnden oder wegen eines gewissen Sinneswandels.

Kluwe: Momentan bekommen Frauen in Bewerbungsverfahren pro Kind zwei Jahre angerechnet, in denen sie weniger Zeit hatten, zu publizieren. Vielleicht mĂŒsste das annĂ€herungsweise auch fĂŒr MĂ€nner gelten, die nachweislich Elternzeit genommen haben.

Patzel-Mattern: In meinem Lebenslauf gibt es diese PublikationslĂŒcke, als ich Kinder bekommen habe. Ideal wĂ€re es, wenn Anrechnungsmöglichkeiten fĂŒr Erziehungszeiten von Frauen und MĂ€nner gleichermaßen gelten wĂŒrden. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

Kluwe: Die Frage ist auch: Gewinnt man mit diesen Regeln ĂŒberhaupt etwas, oder sind sie im Ernstfall nur Makulatur?

Ullrich: In der einzigen Kommission, in der ich bisher saß, wurden diese Zielsetzungen und Regeln mit keinem Wort erwĂ€hnt. Und auch die wenigsten der Bewerber haben deutlich gemacht, dass Familie da ist oder diese den Karrierefortschritt beeinflusst hat – vielleicht mit der BefĂŒrchtung, das werde zum Nachteil ausgelegt. Da muss sich etwas Ă€ndern. Ich bin kritisch, ob sich die Situation mit Klauseln oder Quoten bessert. Frauen, die es dadurch geschafft haben, sind auch keine guten Vorbilder, die motivieren.

Kluwe: Wahrscheinlich lassen wir uns viel zu leicht ins Bockshorn jagen und als Quotenfrau abstempeln.

Patzel-Mattern: In der Praxis spielen die „Quotenfrauen“ kaum eine Rolle. Diese BefĂŒrchtung passt in das weibliche Denkmuster. Frauen glauben oft nicht daran, dass sie hervorragend sind und nicht die Quote, sondern die Leistung sie an eine bestimmte Stelle gebracht hat. Studentinnen sollten fordern, kommunizieren, dass sie Karriere und Familie kombinieren möchten, und an sich glauben.

ruprecht: Vielen Dank Ihnen allen fĂŒr das GesprĂ€ch.


Katja Patzel-Mattern, 41, ist Professorin fĂŒr Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Nach ihrer Promotion war sie auch außerhalb der Uni, unter anderem am Landesmuseum fĂŒr Technik und Arbeit in Mannheim, tĂ€tig.

Claudia Ullrich de Flores, 30, zieht fĂŒr ihre Doktorarbeit in der Romanischen Sprachwissenschaft nach Bolivien. Dort wird sie die zweisprachige Grundschulerziehung indigener Gemeinschaften untersuchen.

Julia Portl, 27, analysiert und visualiert fĂŒr ihre Dissertation neuromuskulĂ€re Verbindungen. In ihrer Arbeitsgruppe in der Informatik sind vier von neun Mitarbeitern sind weiblich.

Dr. Sandra Kluwe, 36, lehrt Literaturwissenschaft in der Germanistik mit besonderem Interesse fĂŒr Genderforschung. Sie ist Gleichstellungsbeauftragte an der Neuphilologischen FakultĂ€t.

   

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