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 Hochschule
12.07.2011

Kontrolle oder Vertrauen

Sollten Plagiatsprogramme generell Abschlussarbeiten prĂĽfen?

Plagiatskontrollen sollen Standard werden. Was sind die Vor- und Nachteile davon? UnterstĂĽtzt PrĂĽfsoftware die Erkennung von Plagiaten? Diese fĂĽr alle wissenschaftlich arbeitenden Studenten relevante Frage diskutieren zwei Dozenten der Universität Heidelberg.

Plagiatskontrollen sollen Standard werden. Was sind die Vor- und Nachteile davon? UnterstĂĽtzt PrĂĽfsoftware die Erkennung von Plagiaten? Diese fĂĽr alle wissenschaftlich arbeitenden Studenten relevante Frage diskutieren zwei Dozenten der Universität Heidelberg.


Die prominenten Fälle in den letzten Wochen und Monaten haben gezeigt, dass selbst bei höheren akademischen „Weihen“ wie der Doktorarbeit Unehrlichkeit und Schummelei vorkommen. Warum sollten da studentische Hausarbeiten eine Ausnahme machen? Tatsächlich ist durch die Informationsfülle im Internet die Versuchung gewachsen, sich dort bei dem zu bedienen, was Dritte bereits erdacht und formuliert haben.

Bei uns am Institut für Europäische Kunstgeschichte ist solche Schummelei jedoch kein Thema mehr. Warum? Ich möchte behaupten, dass dies an der standardmäßigen Prüfung aller schriftlichen Arbeiten beginnend mit der Proseminararbeit liegt, wie wir sie seit Februar 2010 auf einhelligen Beschluss der Lehrenden am Institut eingeführt haben.

Wir haben uns dabei für die Lösung eines schwedischen Anbieters entschieden, bei dem der Aufwand für die Beteiligten so gering wie möglich ist: Die Studierenden geben ihre Hausarbeit wie bisher in schriftlicher Form ab, senden sie aber gleichzeitig als Mailanhang an die persönliche Prüferadresse des Dozenten, der vom System geraume Zeit später eine Mail mit dem Ergebnis der Plagiatskontrolle erhält. Diese Mail enthält eine Zahl mit der Angabe, wie viel Prozent des Textes mit externen Quellen übereinstimmen, sowie einen Link, über den bei Bedarf eine genaue Analyse mit der Gegenüberstellung der Fundstellen in der Hausarbeit und im Internet aufgerufen werden kann. So kann der Dozent im Zweifelsfalle selbst abschätzen, ob die Übereinstimmungen etwa nur Zitate und Literaturhinweise betreffen, was in der Regel unproblematisch ist, oder aber ob der Autor fremde Formulierungen als eine eigene Leistung ausgibt.

 Dabei hilft es einem eventuellen Plagiator auch nicht, wenn er den Satzbau verändert oder mit Synonymen arbeitet – bei unseren Tests wurden auch solche Passagen vom PrĂĽfsystem als auffällig markiert. AuĂźerdem handelt es sich um ein lernendes System, das heiĂźt, alle eingelesenen Hausarbeiten gehen in den zum Vergleich herangezogenen Datenbestand ein – Abschreiben von Kommilitonen fällt damit sofort auf.

Dass wir mit den Plagiatskontrollen unsere Studierenden bevormunden oder gar kriminalisieren würden, sehe ich nicht. Vielmehr ist durch das einheitliche Verfahren allen Beteiligten klar, dass Betrugsversuche – um nichts anderes handelt es sich bei „erschummelten“ Hausarbeiten – nicht geduldet werden. Und tatsächlich ist bei uns mit dem System noch kein umfangreicheres Plagiat entdeckt worden – was wohl mit der erwünschten abschreckenden Wirkung der routinemäßigen Kontrolle zu tun hat. Wer ehrlich arbeitet, muss jedoch keine Angst vor der Plagiatsprüfung haben – entsprechend hoch ist die Akzeptanz des Verfahrens bei unseren Studierenden.
Wir verlassen uns auch nicht blind auf das elektronische Prüfsystem, denn es kann ja nicht wirken, wenn Vorlagen abgeschrieben werden, die noch nicht im Internet digitalisiert vorliegen. Da sich die Dozenten aber des Problems bewusst sind, entgehen – wie wir unlängst in einem solchen Fall festzustellen hatten – auch solche Plagiate ihrem aufmerksamen Blick nicht.

Die routinemäßige Plagiatskontrolle sorgt also dafür, dass Ehrlichkeit beim Verfassen wissenschaftlicher Hausarbeiten als selbstverständlicher Anspruch eingehalten wird und niemand den Versuchungen des Internets erliegt.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter! Ich bin gegen jeden Generalverdacht. Alles Stasi oder was? Wir haben genug Beispiele aus der Geschichte, dass gerade wir Deutschen vorsichtig sein sollten. Bitte keinen Kontroll- und Überwachungswahn. Berufsverbote, Regelanfragen, wir haben doch Erfahrungen. Aber Menschen legen sich in den behaglichen Strom der Lethe – und vergessen.

Ich bin gegen den Einsatz von Plagiatssoftware. Das Bedenkliche daran ist, dass es sich hierbei um eine Form von „Regel-Anfrage“ handelt. Damit sagen wir als Lehrende, als Universität, dass wir unseren Studierenden von vornherein misstrauen und sie uns, bitteschön, misstrauen müssen, weil wir sie als elende Täuscher und potentielle Betrüger wahrnehmen – alle, reihum, ohne Ausnahme.

Wenn wir das tun, können wir die Gedanken von der Einheit der Lehrenden und Studierenden, von einer großen, kritischen, „dem lebendigen Geist“ verpflichteten Gemeinschaft, vergessen. Moderne Zeiten – Misstrauen, Betrug, Täuschung, Gaunerei, Manipulation. Die Welt der Universität: heuchlerisch, scheinheilig, unwahrhaftig. Nein – ich weigere mich! Guttenberg und Koch-Mehrin sind nicht die Regel.

Die Universität und die Wissenschaft, unser gesamtes Zusammenleben – sie gründen auf Vertrauen. Es ist in den letzten Jahren an vielen Stellen zuschanden gekommen. Es reicht. Weil wir einige schwarze Schafe entdeckt haben, sind nicht alle Menschen, nicht alle Studierenden schwarze Schafe. Wir sind so gerne Robin Hood, Rächer der…, was auch immer. Edle Ritter gegen Plagiate. Wer sie aufdeckt, dem gebührt das Bundesverdienstkreuz. Meinetwegen. Es gibt nichts zu bagatellisieren: Plagiate sind Verrat an der Wissenschaft, sie sind verwerflich, schändlich, peinlich.

Aber ich will keinen Überwachungsstaat und keine Überwachungsuniversität. Ich will kein Misstrauen von Beginn an. Stattdessen rationale Zuversicht und kritisches Zutrauen. Ich will nicht, dass alles, was technisch machbar ist, auch bedingungslos realisiert werden muss. Vorratsspeicherung. Rasterfahndung. Regelanfrage. Die Debatte ist ernster, als man denkt. Erinnert sich noch jemand an den Protest gegen die Volksbefragung in den 1980er Jahren? Nein! Schaut auf Facebook – und Ihr seht, wer ich bin, manchmal sogar besoffen oder nackt. Jämmerlich. Plagiatskontrolle! Besinnen wir uns bitte auf unseren Schatz, den es zu hüten gilt, die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Lasst die Chinesen alles überprüfen. Diktaturen machen das. Demokratien müssen Skrupel haben.

Ich bin hoffnungslos altmodisch angesichts der neuen Möglichkeiten, alles kontrollieren und inspizieren zu können. Wenn die Leute sich für Facebook entblößen, dann können sie doch ihre Arbeiten auch einer Plagiatssoftware unterwerfen? Wer mag, der soll. Ich habe nichts dagegen. Aber ich beharre auf größtmögliche „Liberalitas“, ja, Latein, weil das Entscheidendes mehr bedeutet als „Freiheit“.

Wer betrügen will, der wird betrügen. Den oder die kann man ohnehin nicht stoppen. Irgendwann wird er oder sie auf die Nase fallen. Wir müssen aber tagtäglich leben, dass wir solche Menschen nicht suchen. Ich setze auf Aufklärung, Wissenschaftsethos und gute Betreuung. Dies sind die Methoden der Vorbeugung – weil wir eine gemeinsame Verantwortung haben, ja, weil wir eine Kulturnation sind, schon vergessen?


von Marlene Kleinert
   

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