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 Hochschule
13.07.2011

Doktortitel adieu

Koch-Mehrin wehrt sich gegen Verfahren

Silvana Koch-Mehrin

(Dr.) Silvana Koch-Mehrin

Seit Mitte Juni sind die Untersuchungen zu den Plagiatsvorw√ľrfen gegen Silvana Koch-Mehrin abgeschlossen und die Entscheidung steht fest: Der Doktortitel wird aberkannt. Mit ihrem Verhalten w√§hrend des Verfahrens setzt Heidelberg Standards.

Nach Bekanntwerden der Aberkennung k√ľndigte die FDP-Politikerin gegen√ľber der Presse an, gegen diese Entscheidung Beschwerde einlegen zu wollen. Als Grund gab sie an, dass die Historische Fakult√§t bereits vor elf Jahren, als ihr der Titel verliehen wurde, von den monierten Textstellen gewusst habe.

Auch die √Ėffentlichkeit fragt sich, ob so etwas denn einfach √ľbersehen werden k√∂nne. Professor Manfred Berg, Dekan der Philosophischen Fakult√§t und Vorsitzender des Promotionsausschusses, der √ľber diesen Fall beriet, ist sich sicher, dass die Entscheidung sachlich und rechtlich geboten war. Er sieht einer eventuellen Klage mit Gelassenheit entgegen. Schlie√ülich habe der Ausschuss die Dissertation sorgf√§ltig gepr√ľft und den Beschluss der Aberkennung nach einem ordnungsgem√§√üen Verfahren getroffen.

Nachdem die Universit√§t von den Betreibern der Webseite VroniPlag Wiki darauf aufmerksam gemacht worden war, dass einige Textstellen in Silvana Koch-Mehrins Dissertation als Plagiate enttarnt worden seien, machte sich der Promotionsausschuss zun√§chst an die schwierige Aufgabe, die Arbeit auf nicht gekennzeichnete Zitate hin zu √ľberpr√ľfen.

Der Ausschuss fand im Verlauf der Pr√ľfung 120 Stellen, die aus anderen Publikationen abgeschrieben und nicht als Zitate kenntlich gemacht waren. Damit, so Berg, sei der Tatbestand des Plagiats erf√ľllt. Die Universit√§t schickte eine Synopse der beanstandeten Stellen an Frau Koch-Mehrin und bat sie um eine schriftliche Stellungnahme. Diese kam gemeinsam mit der Bitte um einen Termin zur pers√∂nlichen Anh√∂rung, der am 14. Juni diesen Jahres stattfand und ihr die M√∂glichkeit gab, sich noch einmal zu den Plagiatsvorw√ľrfen zu √§u√üern. Nach der Anh√∂rung fasste der Promotionsausschuss den Beschluss, Frau Koch-Mehrin den Doktortitel zu entziehen.

In ihrer Reaktion auf diese Entscheidung r√§umte Koch-Mehrin ein, dass ihre Arbeit Schw√§chen und Fehler aufweise, diese aber bereits in die Benotung eingeflossen seien. Sie unterstellt damit, dass ihre Gutachter die Plagiate vor elf Jahren bereits erkannt h√§tten, sie jedoch euphemistisch als ‚ÄěSchw√§chen‚Äú eingestuft und ignoriert h√§tten. Berg weist diese Darstellung entschieden zur√ľck. Niemand habe im Promotionsverfahren je den Verdacht ge√§u√üert, die Dissertation k√∂nne Plagiate enthalten. Er m√∂chte, dass dieses Verfahren in der √Ėffentlichkeit verstanden wird. Die Fakult√§t sei verpflichtet, Plagiatsvorw√ľrfe zu pr√ľfen und habe dies im Fall Koch-Mehrin mit gro√üer Sorgfalt und unvoreingenommen getan. 

Eine der h√§ufigsten Fragen, die Berg gestellt wird, ist, warum die Gutachter der Arbeit die Plagiate nicht erkannt hatten. Wie kann es sein, dass die abgeschriebenen Stellen von zwei Experten des Fachs gelesen werden, ohne dass diese aufmerksam wurden? Berg steht hinter seinen Kollegen: ‚ÄěEs passiert selten, dass man eine Textstelle beim Lesen eindeutig wiedererkennt. Schlie√ülich kann man ja nicht die gesamte Literatur im Kopf haben.‚Äú Er ist √ľberzeugt, dass die Gutachter in dieser Hinsicht keine Mitschuld trifft. 

Eine andere Frage ist die nach Plagiatssoftware und warum man die im Jahr 2000 bereits verf√ľgbare Technik nicht genutzt hatte. Was hierbei vergessen wird ‚Äď damit das Programm ein Plagiat als solches erkennen kann, muss es auf eine Bibliothek digitalisierter Texte zur√ľckgreifen k√∂nnen. Und die war vor elf Jahren bei Weitem nicht so umfangreich wie sie es heute ist. 

Inzwischen findet man einen Gro√üteil der Fachliteratur in digitaler Form im Internet und kann so Plagiate recht einfach entdecken. Es w√§re also ein Leichtes, jede Arbeit einfach durch ein Programm laufen zu lassen, bevor man sie √ľberhaupt benotet. An einigen Instituten ist dies auch √ľblich.

Am Historischen Seminar m√∂chte man diese Praxis vorerst nicht einf√ľhren. Nach mehrj√§hriger enger Zusammenarbeit bei einer Promotion entwickele sich schlie√ülich ein Vertrauensverh√§ltnis zwischen Doktorvater oder -mutter und Doktorand. Wenn die Doktoranden Probleme h√§tten, etwa mit Fristen, sollten sie das vertrauensvolle Gespr√§ch suchen, anstatt zu unerlaubten Mitteln Zuflucht zu nehmen. ‚ÄěW√ľrden wir alle Arbeiten ohne konkreten Verdacht auf Plagiate pr√ľfen, w√ľrde dies die falsche Botschaft senden. Wir w√ľrden die Verfasser a priori unter Generalverdacht stellen. Das ist eindeutig der falsche Weg,‚Äú meint Berg. Das hei√üe aber nicht, dass das Vertrauen unbegrenzt ist. Sobald es auch nur den geringsten Plagiatsverdacht gebe, w√ľrde man die Softwares nat√ľrlich nutzen, um sich einfach und schnell Gewissheit zu verschaffen. Deshalb sehen die Lehrenden die Plagiatssoftwares auch als gro√üe Hilfestellung an. 

Berg ist sicher, dass der Promotionsausschuss die richtige Entscheidung mit der Aberkennung von Koch-Mehrins Doktortitel getroffen hat. Damit habe die Universit√§t Heidelberg Standards f√ľr den Umgang mit Plagiatsvorw√ľrfen gesetzt, was auch in der √Ėffentlichkeit hervorgehoben worden sei. ‚ÄěEs ist wichtig‚Äú, so Berg, dass ‚Äěniemand glaubt, in Heidelberg k√∂nne man mit einem Plagiat promovieren‚Äú.

von Claudia Pollok
   

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