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13.07.2011

Frankreichs langsame Revolution

Nach Fukushima zweifeln nun auch die Franzosen an der Atomkraft

AKW

Jahrzehntelang galt Atomkraft in Frankreich als Garant der UnabhÀngkeit bei der Energieversorgung. Auch bei der Verteidigung stand die Möglichkeit, Atomwaffen herzustellen, nie in Frage. Doch nach Fukushima wÀchst der Protest.

Von Michael Abschlag aus Paris (Frankreich)

Frankreichs vielleicht schmutzigstes Geheimnis heißt La Hague und liegt an der AtlantikkĂŒste, keine fĂŒnf Autostunden von Paris entfernt. Die Homepage der Region wirbt mit wunderschönen StrĂ€nden, malerischen Buchten, pittoresken HĂ€fen und unberĂŒhrter Natur.

Erst wenn man sich genauer umschaut, stĂ¶ĂŸt man auf „Andra“, die stolz als Ă€lteste nukleare Wiederaufbereitungsanlage Frankreichs aufgefĂŒhrt wird. Genau genommen sind es zwei Anlagen: Die eine arbeitet französische, die andere auslĂ€ndische Brennelemente auf. Außerdem befindet sich hier ein Zwischenlager fĂŒr AtommĂŒll.

Das ganze GelĂ€nde umfasst mehr als zweieinhalb Quadratkilometer und erstreckt sich ĂŒber die Gemarkungen von fĂŒnf Gemeinden. Von Gefahren oder Risiken ist auf der Homepage keine Rede, stattdessen wirbt sie sogar fĂŒr landwirtschaftliche Produkte der Region. In Anbetracht der GrĂ¶ĂŸe und KapazitĂ€t des Komplexes war es jahrzehntelang erstaunlich still um La Hague. Kein Vergleich zu Wackersdorf oder Volkmarsen in Deutschland, wo geplante Wiederaufbereitungslagen aufgrund heftiger Proteste der Bevölkerung gar nicht erst gebaut wurden.

SehnsĂŒchtig sehen Frankreichs Kernkraftgegner nach Deutschland, wo eine Stimmung herrscht, die sie sich auch im eigenen Land wĂŒnschen. „Bei uns gehen vor allem Alt-68er gegen die Atomkraft auf die Straße“, erklĂ€rt Charlotte Mijeon von „sortir du nucleaire“, Frankreichs Verband von Gruppen, die den Atomausstieg fordern. „In Deutschland geht der Protest durch alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen. Das ist beneidenswert.“

Dass ausgerechnet in Frankreich, dem Land der Revolutionen, die Anti-Atomkraft-Bewegung einen so schweren Stand hat, liegt an Frankreichs Stolz als Industrienation. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss PrĂ€sident Charles de Gaulle, das bis dahin landwirtschaftlich geprĂ€gte Land zu industrialisieren und setzte dabei voll auf Atomkraft. Die Kernenergie galt seinerzeit als Technologie der Zukunft, die es allein ermöglichen wĂŒrde, ganz Frankreich mit Strom zu versorgen. Schon in den 50er Jahren besaß Frankreich zwei Kernkraftwerke, in den 60ern waren es bereits zehn.

Neben der friedlichen Nutzung kam in den Anfangsjahren des Kalten Krieges noch ein weiterer Grund hinzu: De Gaulle wollte Frankreich zur Atommacht machen. „In zehn Jahren werden wir etwas haben, womit wir 80 Millionen Russen töten können. Ich glaube nicht, dass man ein Volk angreift, welches die FĂ€higkeit hat, 80 Millionen Russen zu töten, selbst wenn man 800 Millionen Franzosen töten könnte, vorausgesetzt, es gĂ€be 800 Millionen Franzosen“, begrĂŒndete er diese Entscheidung. Die „Force de Frappe“ (wörtlich: Schlagkraft), wie die Franzosen ihre Atomstreitmacht nennen, sollte Frankreich Schutz vor der Sowjetunion bieten und gleichzeitig die militĂ€rische UnabhĂ€ngigkeit von den USA gewĂ€hrleisten. Die Kernkraft war sowohl in wirtschaftlicher als auch in militĂ€rstrategischer Hinsicht der Garant fĂŒr Frankreichs EigenstĂ€ndigkeit.

So erklĂ€rt es sich, dass die Franzosen oft und vehement protestieren, wenn sie den Sozialstaat bedroht sehen, man aber praktisch nie etwas von Demonstrationen gegen die Atomkraft hört. In Deutschland kommen nach dem Moratorium noch neun Atomreaktoren auf 82 Millionen BundesbĂŒrger. Die 65 Millionen Einwohner Frankreichs erhalten Strom aus 59 Reaktoren, die 95 Prozent des Stroms erzeugen. Auch in der Politik herrscht seit jeher parteiĂŒbergreifend Konsens: Konservative wie Sozialdemokraten sehen die Atomkraft als unverzichtbar an. Die einzige Opposition stellen die französischen GrĂŒnen dar. Umfragen zufolge hielten zwar bereits 2006 ganze 81 Prozent der Franzosen die Kernkraft fĂŒr eine riskante Technologie, jedoch hielt sie zugleich eine große Mehrheit fĂŒr unverzichtbar – und damit auch ein Großteil der Skeptiker.

Charlotte Mijeon macht es noch deutlicher: „Etwa 60 bis 70 Prozent der Franzosen sind grundsĂ€tzlich gegen Atomkraft, aber höchstens ein Drittel von ihnen ist davon auch wirklich ĂŒberzeugt. FĂŒr die meisten wĂ€re ein Atomausstieg so, als hacke man einem gesunden Menschen einen Arm ab.“ Dazu passt, was Frankreichs grĂ¶ĂŸter Stromversorger EDF lapidar verkĂŒndet: „Kernenergie ist die gĂŒnstigste, sicherste und CO2-sparendste Energieform.“ Doch jetzt, nach Fukushima, beginnt sich die Lage in Frankreich langsam zu Ă€ndern. Vorher hielt man AtomunfĂ€lle nur in technisch rĂŒckstĂ€ndigen SchwellenlĂ€ndern fĂŒr möglich. Dass mit Japan eine ebenfalls hochentwickelte Industrienation von einer solchen Katastrophe betroffen ist, schafft nun ein Bewusstsein dafĂŒr, dass ein Ă€hnlicher Unfall auch das eigene Land treffen kann. Kein französisches Kernkraftwerk ist gegen einen Flugzeugabsturz gesichert. Das AKW Fessenheim an der deutschen Grenze steht zudem in einer der seismisch aktivsten Regionen Europas.

Jetzt werden auch die Atomkraftgegner in Frankreich ernster genommen als noch vor wenigen Monaten. Die französischen GrĂŒnen profitieren von diesem langsamen Wandel und liegen im Aufwind. Innerhalb der Sozialisten entbrennt derzeit eine heftige Debatte zwischen BefĂŒrwortern und Gegnern eines Ausstiegs in den kommenden 20 bis 30 Jahren. Dominique Strauss-Kahn galt vor seiner Verhaftung als aussichtsreichster Kandidat der Sozialisten. Er war ein BefĂŒrworter der Atomkraft und galt als Lobbyist des Stromkonzerns EDF. Mit seiner Nachfolgerin Martine Aubry könnte sich nun ein Kurswechsel anbahnen.

PrĂ€sident Nicholas Sarkozy und die ihn unterstĂŒtzenden konservativen Parteien hingegen halten unverĂ€ndert an ihrem Pro-Atom-Kurs fest. Sarkozy, der noch vor kurzem mehrere Atomkraftwerke an den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi verkaufen wollte, ist im eigenen Land dafĂŒr ziemlich unbeliebt. Es sieht ganz so aus, als wĂŒrde ihm sein Beharren in dieser Frage noch mehr Schaden zufĂŒgen.

2012 finden in Frankreich die nĂ€chsten PrĂ€sidentschaftswahlen statt. Sie werden wohl auch ĂŒber die Zukunft der französischen Atomkraft entscheiden.

   

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