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30.05.2011

Zu cool fĂĽr Hollywood?

Ein Plädoyer für mehr Mut im amerikanischen Film

Dass sich der höchst aktuelle Film „The Social Network“ bei der Oscar-Verleihung gegen das Historiendrama „The King’s Speech“geschlagen geben musste, ist beispielhaft fĂĽr den Zustand Hollywoods.

Dass sich der höchst aktuelle Film „The Social Network“ bei der Oscar-Verleihung gegen das Historiendrama „The King’s Speech“geschlagen geben musste, ist beispielhaft fĂĽr den Zustand Hollywoods.

Der einflussreichste Filmpreis der Welt – und ein Filmpreis, der fast durchweg amerikanisch dominiert ist: Statistisch gesehen kommt lediglich jede zehnte zum „Besten Film“ prämierte Produktion nicht aus den USA. Umso erfreulicher ist es, dass dieses Jahr das britische Historiendrama „The King’s Speech“ den Hauptpreis entgegennehmen durfte. Zwei Monate ist es nun her, dass zum 83. Male die Academy Awards in Los Angeles verliehen wurden. Zeitliche Distanz genug, um ein Fazit zu ziehen über den Ausgang dieser Verleihung und sein Nachwirken auf die amerikanische Filmindustrie.

Als größter Konkurrent galt im Vorfeld der höchst innovative New Economy-Streifen „The Social Network“. Dieser erzählt wie Harvardstudent Mark Zuckerberg im Jahre 2003 eine Idee verwirklicht, die ihn zum jüngsten Milliardär unserer Tage macht. Im Kern geht es allerdings nicht um die Gründung von Facebook und die technischen Finessen dahinter. Vielmehr behandelt der Regisseur David Fincher Motive wie Anerkennung, Loyalität und Freundschaft, die weitaus zeitloser sind, als die Rahmenhandlung es suggeriert.

Auch wenn „The Social Network“ den ein oder anderen Trost-Oscar zugesprochen bekam, war Regisseur Fincher selbst nicht unter den Preisträgern. Der Mann, der früher Musikvideos für MTV dirigierte (Madonna, Rolling Stones), gibt seinen Filmen einen sehr individuellen Schriftzug, der weitaus rauer, düsterer und direkter ist, völlig untypisch für einen Hollywoodfilm. Diese selbstbewusste Façon macht es ihm schwer, sich der Riege der Oscar-Preisträger hinzuzuzählen, weshalb er im Februar gegen den Briten Tom Hooper verlor. Er riskiert vielleicht sogar, auch in Zukunft völlig erfolglos bei der Verleihung zu bleiben.

Somit würde er in eine Gruppe von Filmpionieren fallen, die zu Lebzeiten auch keine Anerkennung für ihre Regieleistungen bekamen. Hierzu gehören Größen wie Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick, welche mit ihren Sujets auch nicht in das typische Hollywood-Raster fielen. Fincher bewies schon vor seinem Facebook-Film, dass er fähig ist, die Stimmungen einer Generation treffend zu visualisieren. In „Fight Club“ kritisierte er den Konsum- und Körperkult einer amerikanischen Gesellschaft, die nur noch auf Äußerlichkeiten bedacht ist. Für dieses Porträt erhielt er nicht nur Lob seitens der Filmkritiker. Dennoch hielt er an seiner Linie fest. Zu Recht.

„The Social Network“ ist ein Film, der wie kein anderer aus dem Jahr 2010 den modernen Zeitgeist festhält und aufzeigt, wie menschliche Beziehungen im Zuge sich verändernder Kommunikationswege aussehen können – online wie offline. Voll mit feinen schauspielerischen Nuancen und einem bemerkenswerten Reichtum an Dialogtiefe, ist dieser höchst aktuelle und energische Schnappschuss sicherlich nicht traditionell genug für den Oscar.

Ein Oscar ist kein Garant dafür, tatsächlich die besten filmischen Leistungen gewürdigt zu haben, da erstens das Blickfeld deutlich auf den englischen Sprachraum fokussiert ist, und zweitens das Sprachrohr für kleinere Filme fehlt, sodass meist Filme vom selben Format mediale Beachtung finden. Dennoch kann die Wahl des „Besten Filmes“ im weitesten Sinne als Spiegelbild der US-amerikanischen Gesellschaft gewertet werden.

Die Wahl dieses Jahr lässt erkennen, dass die große Masse der USA zwar einen cineastischen Wandel akzeptiert, aber – nicht nur filmisch – mit einigen Ausnahmen noch fortwährend zurück ins 20. Jahrhundert schaut. Das ist der Grund, wieso schwule Cowboys oder dieses Jahr eben unangepasste und in ihrer Gangart nicht immer angenehme Visionäre scheitern.

„The King’s Speech“ ist ein Film, der sehr pointiert das Einzelschicksal eines großen Monarchen porträtiert. Der Film besitzt eine klare Essenz, was ihn in gewisser Weise besonders macht. Dies ist in der Tat eine Kunst, doch ist es nicht auch die Aufgabe der Kunst, sich ständig neu zu erfinden und auch neue Wege einzuschlagen? Dieser Mut voraussetzende Weg sollte nicht ausschließlich Arthouse-Produktionen oder kleinen Independent-Streifen vorbehalten sein, sondern sollte ins Mainstream-Kino Einzug finden. „The King’s Speech“ setzt mit seiner Prämierung das falsche Signal an die amerikanische Filmindustrie, die allmählich ihr Zepter an das europäische Kino zu überreichen scheint.

Vielleicht wäre eine Entscheidung für David Fincher eben doch eine Spur zu cool für eine alteingesessene, ja manchmal verstaubt wirkende Gruppe von Filmkennern. Das mit viel britischem Humor gespickte, aber auch althergebrachte Drama um König Georg VI. trifft da viel eher den Nerv der Amerikaner, aber nicht den Nerv der Zeit.

von Michael Madry
   

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