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 StudiLeben
12.12.2012

Zwischen Hörsaal und Windelwechseln

Wie Studenten mit Kind ihren Alltag organisieren

Kind und Studium zu vereinbaren erfordert einige Organisation. / Foto: Thomas Leurs

Kinder stellen das Leben auf den Kopf. Das gilt umso mehr bei Studenten. ruprecht-Redakteur Thomas Leurs traf sich mit drei jungen Familien und sprach mit ihnen über das Glück, Kinder zu haben, Stress neben dem Studium und falsche Vorurteile.

Schon seit Längerem steht ein Plakat in der Marstallmensa mit der Aufschrift: „Verrückt! Immer mehr Vierjährige an Baden-Württembergs Hochschulen.“ Kinder zu bekommen ist immer ein großer Einschnitt im Leben. Sei es im Berufsleben oder schon im Studium.

Barbara ist 26 Jahre alt und hat bereits drei Kinder. Der Älteste ist sieben und gerade in die Schule gekommen. Der Zweite ist sechs und der Jüngste vier und im Kindergarten. Seit drei Semestern studiert sie nun in Heidelberg Physik.
 „Ich habe bewusst gewartet, bis alle groß genug waren, um mein Studium zu beginnen“, meint sie. Die Kinder mit nach Heidelberg zu nehmen, lohnt sich für sie nicht. Sie wohnt zu weit außerhalb von Heidelberg. Dafür springt ihre Mutter dann ein, wenn Barbara Vorlesungen besucht. „Ohne sie geht es nicht“, sagt sie.

Aber auch auf hilfsbereite Kommilitonen kann sie zählen. Wenn sie es mal nicht schafft, bringen sie ihr die Übungsblätter von der verpassten Veranstaltung. „Ich rechne es ihnen hoch an, dass sie Verständnis dafür haben.“ Wenn allerdings mal etwas mit den Kindern ist, gehen diese für sie auf jeden Fall vor und das Studium muss notfalls zurückstehen.

Das bedeutet aber nicht, dass für sie das Studium nicht so wichtig ist. „Wenn Prüfungen anstehen, sichere ich mich immer doppelt ab.“ So kann, wenn alle Stricke reißen und die Oma nicht auf die Kinder aufpassen kann, ihr Mann, der bereits berufstätig ist, für die Kinder da sein.

„Ohne die Oma geht es nicht“

„Doch manchmal vermisse ich schon etwas“, sagt Barbara. So würde sie auch gerne mal das physikalische Kolloquium besuchen oder eine Psychologie-Vorlesung. Doch dafür bleibt leider keine Zeit.

Nora und Florian sind beide 24, studieren Germanistik auf Master und haben bereits einen acht Monate alten Sohn. „Es war auf jeden Fall ein Wunschkind“, sagen sie glücklich. Doch gute Organisation ist seitdem ausgesprochen wichtig. „Die ganze Woche muss im Voraus gut durchgeplant werden“, sagt Florian.

Auch das Baby braucht einen strukturierten Tagesablauf. Wann es die drei Mahlzeiten am Tag kriegt, wann es gewickelt wird, wann es ins Bett muss, all das ist genau durchgeplant. „Um acht Uhr abends ist das Kind in der Regel im Bett und dann haben wir etwas Freizeit für uns“, sagt Nora. „Es ist aber alles unvorhersehbar. Wenn das Kind zum Beispiel krank wird.“

Die Prioritäten haben sich seitdem aber auch geändert: „Früher dachte ich immer, die Hausarbeit ist sehr wichtig. Jetzt weiß ich, dass das Kind viel wichtiger ist.“

Trotzdem leidet das Studium wegen des Kindes nicht. „Wir waren schon immer strukturierte Menschen. Die Noten haben sich seit der Geburt des Kindes nicht verschlechtert,“ sagt Florian. Auf Hilfe von der Familie können sie leider nicht zurückgreifen. Nora kommt aus Luxemburg, Florian aus Köln. Doch zu zweit gelingt es ihnen, den Uni-Alltag zu meistern. „Wir legen unsere Kurse so, dass immer einer zu Hause ist. Etwa, dass ich montags in die Uni gehe und Florian mit dem Kind zu Hause bleibt und ich mich dann am Dienstag dafür um das Kind kümmere“, meint Nora.
Auch von den Dozenten kommt in den allermeisten Fällen viel Zuspruch. „Nur einmal wollte eine Dozentin eine mündliche Prüfung wegen meiner Schwangerschaft nicht vorverlegen“, empört sich Nora.

Dass sie aber als so junge Eltern mittlerweile eher eine Seltenheit geworden sind, merken sie in der Krabbelgruppe oder beim Babyschwimmen. „Die meisten Eltern sind dort im Schnitt zehn Jahre älter“, so Nora. Da kommen dann auch manchmal so blöde Sprüche wie: „Habt ihr das Kind in der Disko gekriegt?“ Aber da stehen wir drüber.“

Janina ist 25 und erwartet noch ihr erstes Kind. Im Januar soll es kommen. „Das war die süßeste Überraschung, die mir Janina machen konnte“, sagt ihr Freund. Das Kind war nicht geplant. Doch jetzt freuen sie sich beide darauf. „Für uns beide war sofort klar, dass wir das Kind zusammen großziehen“, sagt Janina.

„Wir sind der Schröder wirklich dankbar.“

Ihr Freund, der damals noch Soziologie in Jena studierte, wechselte nach Heidelberg. „Das ging auch relativ problemlos. Ich brauchte keinen Tauschpartner. Wegen des Kindes war das ein Härtefall und ich konnte sofort wechseln.“

Die Uni stellt für solche Fälle auch Familienwohnungen bereit. Doch Janina ist mit ihrem Freund auf dem freien Wohnungsmarkt fündig geworden. Jetzt wohnen beide zusammen in Ludwigshafen. „Das ist auch wichtig. Sonst würden wir nicht den Betreuungszuschlag für das Kind bekommen“, so Janinas Freund. „Vor ein paar Jahren war das noch anders. Da musste man verheiratet sein, um das Betreuungsgeld zu erhalten. Jetzt muss man einfach nur zusammen wohnen. Da sind wir der Schröder für ihre Familienpolitik wirklich dankbar.“

Auch dass für die Grundvoraussetzung der Vaterschaft nicht mehr zwingend die Ehe nötig ist, sieht ihr Freund positiv. „Du kannst eine Familie mittlerweile ohne Trauschein haben. Im Fernsehen sieht man so etwas nicht, zumindest nicht im RTL-Nachmittags-Programm.“

Nur an der Universität gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. So gibt es in der Triplex-Mensa einen Wickeltisch in der Damentoilette, aber nicht in der Herrentoilette. Als ihr Freund das beanstandete, wurde ihm gesagt, dass es schon mehrmals deswegen Beschwerden gab und man es ändern wolle.

Doch wichtig ist es auch, Kontakte weiter zu pflegen. „Man soll sich nicht selbst vergessen“, so Janina. Und ihr Freund erklärt es, wie man es von einem Soziologiestudenten erwartet: „Es gibt immer verschiedene Rollen, die man im Leben spielt. Und es gibt ja diesen schönen Spruch: in einer Rolle aufgehen. Doch das muss nicht immer positiv sein. Man muss ein gesundes Mittelmaß finden.“

Janina sieht jedoch nach anfänglichen Zweifeln positiv in die Zukunft. Sie studiert zurzeit auf Bachelor, im nächsten Semester wäre sie fertig. „Ich hatte schon kurz überlegt, mein Studium abzubrechen“, sagt sie, „doch mir fehlen nur noch ein paar Scheine. Also werde ich nächstes Semester ein Urlaubssemester machen und im Wintersemester 2013 meinen Bachelor abschließen.“

Auch für ihr Berufsleben sieht sie gute Chancen: „Ich lebe in einer festen Partnerschaft, habe eine kaufmännische Ausbildung gemacht, danach auf dem zweiten Bildungsweg den Bachelor und bin unter dreißig.“ Auch die Frage, ob sie keinen Festvertrag bezüglich einer möglicherweise zukünftigen Schwangerschaft bekommt, stellt sich jetzt nicht mehr.

Doch trotz allen positiven Denkens wird ihr manchmal vor der Zukunft bange. In diesen Zeiten kann sie sich dann auf ihren Freund verlassen, der sie tröstet. „Auch der Gang zur Hebamme hat etwas Beruhigendes“, sagt sie. Dort trifft sie auch auf andere Familien: „Es ist schön zu sehen, dass da Familie gelebt wird. Man zieht an einem Strang. Wir haben es zusammen gemacht, wir ziehen es auch zusammen groß.“

Sätze wie „Aber du bist doch noch so jung?“ oder „Aber verpasst ihr da nicht etwas?“ müssen sich beide auch manchmal von älteren werdenden Eltern anhören. Doch wenn sie dann die Frauen Ende 30 sehen, die mit ihrem kugelrunden Bauch mit Mühe versuchen aus dem Stuhl im Wartezimmer aufzustehen, dann stehe sie einfach mit ihrem Freund auf und gehen.

von Thomas Leurs
   

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