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13.11.2012

Lesen lassen

Es gibt so einige journalistisch lehrreiche Anekdoten, die ich mit dem ruprecht verbinde. Zum Beispiel jene, als Harald und ich ein Porträt des damaligen Rektors recherchierten, ich als Schüttler älterer Damen dessen Frau im Wohnzimmer der Familie interviewte, während vor dem Panoramafenster der Abend über dem Neckartal dämmerte, und sie im Verlauf von drei Stunden Teetrinken doch Dinge erzählte, die den Gatten nicht immer im besten Licht erscheinen ließen. Erstaunlich: Ehrlichkeit.

Doch ist mir durch die Redaktion aufgetragen, stattdessen lieber eine bereits hie und da erzählte Anekdote abermals zum Besten zu geben: Wie der ruprecht einmal beinahe in die „Tagesschau“ gekommen wäre. Also gut: 1994 interviewten wir Heiner Geißler, Ex-Generalsekretär der CDU und noch immer Bundestagsabgeordneter. Er sprach unter anderem über Helmut Kohl, mit dem er sich lange schon überworfen hatte; der Kanzler sei ja nicht der einzige in der Partei, der Führungsqualitäten habe, sagte Geißler und nannte uns auch ein paar Namen.

Nach dem Gespräch dreht sich einer von uns beiden um und sagt: „Sollen wir Ihnen den Text noch mal zum Gegenlesen schicken?“ Damals war das „Autorisieren“ von Interviews eine höfliche Geste; inzwischen ist es ein Muss, und manch ein Politiker nimmt auf diesem Wege Gesagtes nachträglich zurück oder schwächt es ab. Ja, sagte Geißler, bitte noch mal schicken. Das taten wir.

Am Layoutwochenende kam dann ein Fax von ihm, das voller Streichungen war. Seite um Seite waren Fragen gestrichen, Antworten gestrichen, Kohl kam überhaupt nicht mehr vor.

Am Telefon erklärte uns Geißlers Pressesprecher bedauernd, er müsse häufiger Sachen „zurückholen“, die sein Chef gesagt habe: „Wissen Sie, am Ende drucken Sie das Gespräch so, wie es abgelaufen ist. Dann schreibt es die Rhein-Neckar-Zeitung ab, von dort kommt es in die dpa - und dann heißt es womöglich in der Tagesschau: ,Heiner Geißler hat die Nachfolgediskussion in der CDU losgetreten.‘“

Dagegen hätten wir gar nichts gehabt; man stelle sich vor, der Tagesschau-Sprecher liest: „In einem Gespräch mit der Heidelberger Studentenzeitung ruprecht ...“ Stattdessen blieb uns nur, das das Interview in abgeschwächter Form zu drucken, und das war echt bitter.


Bertram Eisenhauer war von 1987 bis 1994 beim ruprecht. Heute leitet er das Ressort Gesellschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

von Bertram Eisenhauer
   

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